Wer im Budapester Stadtteil Kőbánya die Straße Maglódi út entlang läuft und an heruntergekommenen und langsam verfallenden Industriebauten vorbei kommt, der erwartet hier nicht eine der innovativsten Craft Beer Brauereien Ungarns: Mad Scientist.

So außergewöhnlich wie der Name der Brauerei – verrückter Wissenschaftler – so bewegt ist auch die Geschichte der Gebäude und des Geländes, auf dem die Brauerei steht. Kurz vor Beginn des 1. Weltkriegs gründete man hier die Hauptstadtbrauerei Fővárosi Sörfőzd. Bis 1943 wurde sie selbstständig betrieben und geriet dann in die Hände der Dreher Brauerei. Schließlich wurde sie von einer Konservenfabrik aufgekauft, die 2009 den Braubetrieb einstellte. Dann, im März 2016, gründeten die drei Ungarn Tamás Szilágyi, Gergő Závodszky und Csaba Tarján ihre Brauerei Mad Scientist. Jetzt fahren hier wieder Lastwagen mit Malz vor.

Ádám und Jenő pürierten 1.350 Gurken für die Berliner Weiße

Aber nicht nur Malz wird hier angeliefert – auch Bananen, Erdbeeren und Gurken. Vor zwei Jahren im Dezember schälten die beiden Mad Scientist-Mitarbeiter Ádám Badar und Jenő Orvos hier kistenweise Gurken. „Insgesamt 400 Kilogramm waren das“, erinnert sich Ádám. Stück für Stück pürierten die beiden die insgesamt 1.350 Gurken in zwei Smoothie-Mixern. Anschließend landete das grüne Mus im Gärbehälter. Die zusammen mit AF Brew aus Sankt Petersburg gebraute Berliner Weiße wurde Gurkensalat (Magyar Uborkasaláta) getauft.

Ádám Badar und Jenő Orvos von Mad Scientist verarbeiten Gurken für die mit AF Brew gebraute Berliner Weiße Magyar Uborkasaláta (Gurkensalat) | Bild: Mad Scientist

Die Namen der Biere sind dabei so ungewöhnlich wie der Name der Brauerei selbst: Liquid Cocain ist ein Double IPA mit extrem viel Hopfen (mehr als 20 Gramm pro Liter), Monkey Temple ist der Name eines Hefeweizens mit Madagskar Vanille und mit Candy Man kreierten die Ungarn ein 12-prozentiges Imperial Stout mit Marshmallows.

Dabei kommen die Biere von Mad Scientist an: Das Jam 72, ein West Coast IPA, räumte gleich fünf Preise ab. Unter anderem wurde es 2016 – drei Monate nach der Gründung von Mad Scientist – auf dem Főzdefest (ungarisches Bierfest) in Budapest zum Bier des Jahres gewählt. Es folgten Bronze- und Silberpreise, im März 2018 dann Gold beim Internationalen Wettbewerb von Lyon. Insgesamt hat Mad Scientist derzeit vier preisgekrönte Biere im Sortiment.

Die ersten Rezepte entwickelten sie in der Garage von Gergős Eltern

Keiner der drei hat je eine klassische Ausbildung als Brauer gemacht – einzig Csaba ist als Mikrobiologe nicht ganz fachfremd – und die Biere sind extrem erfolgreich. Das Geheimnis scheint die Akribie und Leidenschaft zu sein, mit der vor allem Gergő die Bier-Rezepte immer wieder optimiert hat: „Ich habe es wirklich genossen, verschiedene Biersorten zu testen, Versuche mit ein paar ausgewählten Malzen durchzuführen und das gleiche Bier mit verschiedenen Hefestämmen zu vergären.“

Freude an den systematischen Brau-Versuchen hat auch Csaba. Tamás ist der spontane Ideengeber: „Nach etwa zwei dutzend Brau-Versuchen mit unserem Weißbier sagte Tamás, dass wir etwas Spannendes wie Chili oder Vanille hinzufügen sollten,“ erinnert sich Gergő, der heutige Chefbrauer, an die gemeinsame Gründungs- und Brauzeit in der Garage seiner Eltern. „Das widersprach zwar meiner Vorstellung von Einfachheit, aber es funktionierte. Wir sind eine gute Kombi – wie zwei Wissenschaftler und ein verrückter Mann.“

Jeder darf Ideen entwickeln und mit Bieren experimentieren

Heute beschäftigen die drei ehemaligen Hobbybrauer 16 Angestellte und haben ein eigenes Labor, in dem jede Biercharge auf Keime und andere Qualitätsmerkmale getestet wird. Letztes Jahr verkaufte Mad Scientist 3.300 Hektoliter Bier. Der Erfolg der Brauerei ist auch auf ihre Strukturen zurück zu führen: „Wir haben eine relativ flache, auf Kreativität basierende Organisationsstruktur“, erzählt Tamás, der Hauptgeschäftsführer von Mad Scientist. „Das bedeutet, dass jeder in der Brauerei Ideen entwicklen und mit Bieren experimentieren darf. Wir bewerten und planen gemeinsam und wenn eine Charge den Punkt erreicht, an dem wir sie reif für eine kommerzielle Produktion halten, nehmen wir das Bier in unsere Produktpalette auf.“

Derzeit laufen bei Mad Scientist 20 verschiedene Brau-Versuche. Man darf also gespannt sein, mit welchem neuen Bier Mad Scientist demnächst aufwarten.

Mad Scientist
  • Ungarische Craft Beer Brauerei.
  • Inhaber: Tamás Szilágyi (Hauptgeschäftsführer), Csaba Tarján (Geschäftsführer), Gergő Závodszky (Chefbrauer)
  • Adresse: Maglódi Way 47, 1106 Budapest, Ungarn
  • Webseite von Mad Scientist: madscientist.hu
  • Bier: Das Bier von Mad Scientist gibt es im Labor, einer Craft Beer Bar im Szimpla Berlin und im gut sortierten Craft Beer Shop.